Erzählungen: Werden noch eingestellt.


Texte fürs Theater: s. Unterseite Berliner Compagnie / Die bisherigen Theaterstücke


Textauszug aus ANDERS ALS DU GLAUBST. Theaterstück über Juden, Christen, Muslime und den Riss durch die Welt.  (1. und 2. Szene)

Personen in den beiden Szenen:  Kathi Hoffmann, Mariam Samet, Jehoschua Benda, Günther Schulz, Gottfried Kratz, Stimme des Kindes, Thomas Sankara

 

Schauplätze in den beiden Szenen:  Postmortales Niemandsland, Burkina FAso

 

 

Szene I    Postmortales Niemandsland 

 

GOTTFRIED:  Ich bin überrascht, zugegeben.

 

KATHI:  Meine Glieder! Alle wieder da? Und am richtigen Ort? Auferstehung des Fleisches!

 

GOTTFRIED:  Gerade wollte ich mich noch im Grab umdrehen.

 

MARIAM:  Jetzt bin ich nur noch meine Seele... Blickt hinab. Mein Leib! Aufgebahrt! Die Frauen waschen meinen Körper! Ruft hinunter Tante! Vergiss die Fürbitten nicht!

 

KATHI:  Ich hatte mir mehr Ruhe erwartet.

 

MARIAM:  Und da, mein Mann! Mein armer Mann!

 

JEHOSCHUA:  Hat es Sie auch erwischt.

 

KATHI:  Richtig zerlegt hat´s mich.

 

JEHOSCHUA:  Haben Sie gelitten. Nun ist vorbei.

 

MARIAM:  Meine Trauergemeinde, sehen Sie, Frau Pastorin!

 

KATHI:  Ich bin nicht schwindelfrei.

 

GOTTFRIED:  Leben nach dem Tod?

 

KATHI:  Funktioniert noch alles...

 

GOTTFRIED:  Rabbi, wie geht’s Ihnen?

 

JEHOSCHUA:  Danke, man lebt... Alte Gewohnheit.

 

KATHI:  Herr Kratz, jetzt merken auch Sie, dass noch was kommt danach.

 

GOTTFRIED:  Alles nur Blendwerk, Kulissen. Wahrscheinlich ein Trick des Klassenfeinds.

 

JEHOSCHUA:  Aber täuschend echt gemacht. zu Kathi Neues Gewandt?

 

KATHI:  Das alte war total zerfetzt.

 

GÜNTHER:  Meine Mutter lässt mir eine Messe lesen. Will mir die Zeit im Fegefeuer verkürzen, die Gute. Schluchzt.

 

JEHOSCHUA:  Rachel! Liebste! Ade!

 

MARIAM singt:  Allah nimmt die Seelen der Menschen zu sich, wenn sie schlafen. Und sendet sie  morgens wieder hinab auf die Erde. Bis zu der ihnen vorherbestimmten Frist. Dann holt er sie endgültig zu sich.

 

KATHI:  Für uns wird es kein Sterben mehr geben, Frau Samet. Das ist vorbei.

 

GOTTFRIED:  Na hoffentlich. Einmal reicht.

 

KATHI:  Das ewige Leben! Welche Freude!

 

JEHOSCHUA:  Sind Sie so sicher, dass wir im Himmel gelandet sind?

 

KATHI:  Sie meinen...

 

MARIAM:  Vielleicht noch eine Prüfung? Oder doch schon die reine Gottesschau?

 

GOTTFRIED:  Wem nützt so ein Attentat? Frag ich.

 

KATHI:  Mit Sicherheit waren das Rechtsradikale.

 

GÜNTHER:  Kam vielleicht aus ´ner ganz anderen Ecke.

 

GOTTFRIED:  Günther Schulz! Das Strafgericht beginnt.

 

MARIAM:  Der schwule Rechte.

 

JEHOSCHUA:  Gibts kein Bekennerschreiben?

 

KATHI:  Ich frage mich, wer will den interreligiösen Dialog verhindern?

 

GÜNTHER:  Das Attentat ging vielleicht gegen mich.

 

JEHOSCHUA:  Wohl eher gegen unsere junge Religionslehrerin hier.

 

KATHI:  Sie, Herr Schulz, saßen doch gar nicht auf dem Podium.

 

GÜNTHER:  Aber in der ersten Reihe. Es gab in der letzten Zeit etliche Morddrohungen gegen mich. Und im Internet einen Shitstorm, der sich gewaschen hat.

 

KATHI:  Und viel Beifall aus der rechten Ecke.

 

GÜNTHER:  Leider. Ich kann nix dafür. Das Gesocks verfolgt mich bis nach dem Tod. Da, die Glatzen unter meinen Trauergästen.

 

JEHOSCHUA:  Sehn se?

 

GOTTFRIED:  Sie trauern ihnen nach. Wer hätte das gedacht!

 

JEHOSCHUA:  Sehn se? Sehn se?

 

KATHI und MARIAM:  Wo ist denn ihr Kappi, Herr Benda?

 

JEHOSCHUA:  Oh!

 

KATHI und MARIAM:  Sie haben es auf!

 

JEHOSCHUA:  Meine Kippa. Bitte lassen Sie das! Mein Kopf flog durchs Fenster auf die Straße.

 

KATHI:  Jetzt ist er wieder oben drauf.

 

JEHOSCHUA:  An der richtigen Stelle? Meine Frau hat mich noch gewarnt:  Joschele geh da nicht hin! Das sind alles Antisemiten.

 

KATHI:  Absolut an der richtigen Stelle.

 

GÜNTHER:  Und ich Blödmann setz mich in die erste Reihe, genau dahin, wo der Rucksack steht, direkt vors Podium. Ich hab die Dame links von mir noch gefragt:  Ist das ihr Rucksack?

 

MARIAM zu Kathi:  Sie haben gerade noch ins Mikrofon gesagt:  „Das interreligiöse Gespräch...“

 

KATHI:  „Auf dem interreligiösen Gespräch ruht Gottes Segen.“

 

GOTTFRIED:  Und dann…

 

ALLE:  Bumm!

 

MARIAM:  Dann wurd´s dunkel.

 

ALLE:  Und wir: mausetot.

 

KATHI:  Herr Kratz sitzt...äh...saß ja für die Linken in der Bezirksversammlung. Ich hatte auch ihn zum Gespräch eingeladen

 

MARIAM:  Ja, warum eigentlich?

 

KATHI:  Als erklärten Atheisten.

 

GOTTFRIED:  Als Stimme der Vernunft.

 

GÜNTHER:  Ob´s hier wo ne Kantine gibt?

 

MARIAM:  Ich hab mir das völlig anders vorgestellt.

 

KATHI:  Und wie?

 

MARIAM:  Nicht wie ein Theatersaal (bzw. Schulaula usw., also der Spielort)

 

JEHOSCHUA:  In der rabbinischen Tradition gibt es die Vorstellung, dass das Jenseits eine Art ewiger Lesesaal ist.

 

GÜNTHER:  Einen Notausgang wird´s doch wo geben. Eine Affenhitze!

 

KATHI:  Wollen Sie andeuten, wir befinden uns im Fegefeuer? Theologisch steht das auf ganz schwachen Beinen.

 

GÜNTHER:  Vielleicht ist das hier die Hölle.

 

MARIAM:  Nein! Nein!

 

GÜNTHER:  Wenns noch heißer wird, wer weiß?

 

MARIAM:  Hören Sie auf!

 

GOTTFRIED:  Also ich brauch keinen Gott, um an die Hölle zu glauben. zu Günther  Dazu genügt mir Ihre Gesellschaft.

 

GÜNTHER:  Was soll das? Wollen Sie mich provozieren?

 

JEHOSCHUA zu Mariam:  Dass ein Mensch, der Ihnen gegenübersitzt, dass der auf ewig brennen soll – können Sie sich das wirklich vorstellen, Frau Samet?

 

MARIAM: .

 

JEHOSCHUA:  Im Hebräischen wird der Friedhof „Stätte des Lebens“ genannt. Sterben ist für uns der „Kuss Gottes“. Und in unseren Trauergebeten hoffen wir auf die Auferstehung der Toten. Auf der anderen Seite:  in der Hebräischen Bibel steht nichts über die Unsterblichkeit der Seele. Keine Hölle, kein Fegefeuer. Einfach ausgelöscht.

 

MARIAM:  Da wird mir bang ums Herz.

 

JEHOSCHUA:  Noja...vielleicht a Wiedergeburt in Jerusalem.

 

GÜNTHER:  Warten wirs ab, würde ich sagen.

 

KATHI:  Ja, warten wir!

 

MARIAM:  Auf das Jüngste Gericht.

 

KATHI:  Auf das Jüngste Gericht.

 

GOTTFRIED:  Auf das Jüngste Gericht.

 

GÜNTHER:  Wenn das hier das Jüngste Gericht ist, dann haben die Richter gerade Verhandlungspause.

 

GOTTFRIED:  Essen ihre Stullen.

 

GÜNTHER:  Plaudern im Gang.

 

MARIAM:  Und die? deutet auf die Zuschauer

 

JEHOSCHUA:  Alle so still.

 

GÜNTHER:  Tote pflegen immer still zu sein.

 

GOTTFRIED:  Die sind nur schläfrig.

 

GÜNTHER:  Eingenickt.

 

MARIAM:  Unverschämt.

 

JEHOSCHUA:  Frau Samet, es sind Sterbliche.

 

KATHI:  Und wer sind wir?

 

JEHOSCHUA:  Episodenfiguren.

 

MARIAM:  Märtyrer.

 

GÜNTHER:  Kleindarsteller, würde ich sagen.

 

Aus dem Lautsprecher:

 

DAS KIND:  Hallo! ...Hallo, ihr da! Gute Arbeit! Wir gratulieren.

 

MARIAM:  Der Erzengel Gabriel.

 

GÜNTHER:  „Die Stimme Gottes über den Wassern.“

 

GOTTFRIED:  Leute, das kam aus dem Lautsprecher. Macht euch nicht ins Hemd!

 

DAS KIND:  Euer inter..inter...inter....religiöser Dialog:  ganz prima.

 

MARIAM:  Danke! 

 

GÜNTHER:  Keine Ursache.

 

DAS KIND:  Deswegen sollt ihr noch einmal runter.

 

GOTTFRIED:  Runter? Wohin? Auf die Erde?

 

DAS KIND:  Auf die Erde. Genau.

 

KATHI:  Ich würde lieber Gott schauen.

 

GÜNTHER:  Da unten wurde ich zuletzt nur noch gemobbt.

 

DAS KIND:  Ihr sollt alle Fünf runter. Gemeinsam.

 

GOTTFRIED:  Also ich bin dabei. Da ist dermaßen viel zu tun.

 

MARIAM:  Zurück auf die Erde, ins Leben? Ja! Ja! Ja!

 

JEHOSCHUA:  Sie sind frisch verheiratet, nicht wahr?

 

DAS KIND:  Ist aber keine Urlaubsreise.

 

JEHOSCHUA:  Schade.

 

DAS KIND:  Ihr sollt nach  A -F -R -I -K -A.

 

MARIAM:  Was?

 

JEHOSCHUA:  Warum das denn, Afrika?

 

GÜNTHER:  Mir ist hier oben heiß genug.

 

DAS KIND:  Werdet ihr schon sehn. 

 

JEHOSCHUA:  Geht´s ein bisschen genauer?

 

GOTTFRIED:  Himmelschreiende Probleme auf dem Kontinent. Da müssen wir ran.

 

JEHOSCHUA:  Die haben gerade auf uns gewartet.

 

DAS KIND:  Ihr seid doch jetzt Ahnen. In Afrika verehren sie die Ahnen. Anders als in Europa. Die reden dort mit Geistern, bringen ihnen Essen...

 

GÜNTHER:  Ich bin ein starker Esser.

 

DAS KIND:  Die werden sich freuen über euren Besuch.

 

JEHOSCHUA:  Und was ist mit Giftschlangen und so?

 

DAS KIND:  Euch kann nix mehr passieren. Weil Ihr seid doch schon tot.

 

GÜNTHER:  Stimmt auch wieder.

 

MARIAM:  Leute, was für Möglichkeiten!

 

JEHOSCHUA:  Mit der Gruppe? Da kommt doch keiner mit dem andern aus.

 

MARIAM:  Und wir dort als was? Als, als...

 

DAS KIND:  A -F-R-I-K-A   Auf Friedensflügeln Reise!
                                 Im  Kühnen Aberwitz !.

 

MARIAM:   Ja was denn nun? Was sollen wir tun?

 

DAS KIND:  Ansehen – Fortgehen – Reinfallen – In anderen Schuhen -.Keine -  Ausreden-..

 

KATHI:  He?

 

JEHOSCHUA:  Beachten Sie die Anfangsbuchstaben der Worte!

 

DAS KIND:  Aufbrechen  -Für - Recht ....

 

KATHI:  Als Friedensfachkraft runter in Krisengebiete....a...

 

GOTTFRIED:  Den Neokolonialismus bekämpfen! Den Sozialismus stärken! Afrika retten!

 

KATHI:  “Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan.“ Im Namen Christi, auf geht’s !

 

GOTTFRIED:  „Geringste Brüder“ wenn ich das schon hör!

 

JEHOSCHUA:  Afrika retten? Heiß ich Samson oder Bono?

 

MARIAM:  Ja! Ja! Endlich den freundlichen Islam dort verbreiten!

 

DAS KIND:  Klärt den Rest unter euch ab! Tschüss!

 

GÜNTHER:  Das ja n´ Ding.

 

GOTTFRIED:  Ach was! Der Kapitalst entdeckt sein Herz, gibt den Sozialdemokraten und macht sich daran, den Riss, der durch die Welt geht, ein bisschen zu verkleistern.

 

GÜNTHER:  Teuflisch, ja, nicht auszuschließen.

 

JEHOSCHUA:  Und wir, was meinen Sie, was ist unsere Aufgabe dabei?

 

GOTTFRIED:  Wir sollen den Grüßaugust spielen.

 

JEHOSCHUA:  Se sind doch meschugge. Entschuldigung! Die reinste
 Verschwörungstheorie.

 

GOTTFRIED:  Ihr werdet sehen.

 

KATHI:  Wenn wir da unten nur ein kleines bisschen was bewirken können...

 

MARIAM deutet auf Günther:  Wenn der mitkommt, bleib ich hier.

 

GÜNTHER:  Ach ja.

 

KATHI:  Na ja, nach all dem, was Sie so öffentlich von sich gegeben haben, Herr Schulz, muss man schon sagen: Sie sind islamophob.

 

JEHOSCHUA:  Was soll denn das jetzt?

 

GOTTFRIED:  Der da? Ein notorischer Islamhasser.

 

GÜNTHER:  Moment! Moment! Der Reihe nach. Islamophobie meint doch so was wie krankhafte unbegründete Angst vor dem Islam, Fall für´n Arzt - oder? Weil... natürlich, der Islam ist harmlos, und wer ihn ablehnt, is krank. Die ganzen blutigen Terroranschläge, verübt im Namen Allahs...alles nur Fata Morgana.

 

MARIAM:  Dieser Terror hat mit dem Islam nichts zu tun. Islam ist Barmherzigkeit.

 

GÜNTHER:  Ach nee. Von Mohammed an gilt doch die Scharia:  Steinigung, Hand abhacken...

 

MARIAM:  Die Scharia? Das ist ein Produkt vieler Gelehrter, den Islam auszulegen. Das ist kein juristisches System, das vorschreibt, wann welche Strafe zu verhängen ist. Es ist nicht Aufgabe von Religionen, Ge­setze zu erlassen.

 

GÜNTHER:  Na das sagen Sie mal einem Salafisten!

 

GOTTFRIED:  Islamfeindschaft ist eine Sonderform von Ausländerfeindlichkeit, Freundchen. Und Ausländerfeindlichkeit ist die Einstiegsdroge in den Rechtsradikalismus.

 

GÜNTHER:  Klar, wie konnte ich das vergessen? Ich bin nicht nur irre. Ich bin auch rechtsradikal, stand ja auch in der Zeitung. Nur weil ich bei der Demo gesagt habe, dass Hitler und Himmler ne Schwäche für den Islam hatten.

 

GOTTFRIED:  Fehlte noch:  wir in Afrika mit einem Neonazi im Schlepptau.

 

GÜNTHER:  Also jetzt reichts!  Ich bin kein Neonazi, ich bin überhaupt kein Rechter, ich bin ein linker Grüner. Und ich bin schwul. Damit müssen Sie jetzt fertig werden. Was Sie von mir zu hören kriegen, ist nicht Islamfeinschaft, sondern Islamkritik. Also hören Sie endlich mit ihren Unterstellungen auf! Sonst komm ich noch auf die Idee, dass Sie schwulenfeindlich sind.

 

KATHI:  Wie sollen wir jemals noch zusammenkommen?

 

JEHOSCHUA:  Eine sehr angenehme Reisegruppe.

 

GÜNTHER:  Ich bin nicht fremdenfeindlich! Ich will nur nicht, dass wir wieder kriegen, was wir in Europa schon mal hatten:  ne´ religiös-autoritäre Herrschaftsordnung. Von der hat uns nämlich zum Glück die Aufklärung befreit.

 

GOTTFRIED:  Ach hören Sie doch auf!

 

GÜNTHER:  Und ich kann mich nur wundern, wieviele Linke genau wie Sie, Herr Kratz, das nicht kapiern. Die Islamisten denken und handeln wie „Rechte". Herrenmenschentum ist das, wie sie mit Nichtmuslimen und mit Frauen umgehn. Also jetzt hab ich keine Lust mehr.

 

GOTTFRIED:  Nach Afrika mitzukommen? Na bitte. Dann bleiben Sie. Ich glaube, wir sind alle froh darüber.

 

GÜNTHER:  Hallo, wird hier wohl gerade jemand gemobbt?

 

DAS KIND:  Eh ihr da, Schluss jetzt! Ich halts im Kopf nicht aus. Jetzt müsst ihr springen! Das ist ein ganz dringender Fall.  K u a ga du gu...Kinder und Alte grüßen umtriebige Geister

 

GOTTFRIED blickt nach unten:  Wir müssen aufbrechen. Sofort!

 

MARIAM:  Aufbrechen? Wohin?

 

GOTTFRIED:  Nach Quagadougou.

 

MARIAM:  Quagu was?

 

GOTTFRIED:  In die Hauptstadt von Burkina Faso. Zum Präsidenten des Landes, zu Thomas Sankara.

 

DAS KIND:.Mörder meucheln manchmal mittags. Leben oder sterben, wer wird ihn beerben? Räuspern Hurtig, hurtig!

 

 

 

Szene II    Burkina Faso

 

KATHI:  Herr Präsident! Herr Präsident!           

 

GOTTFRIED:  Sag einfach „Hauptmann“! Hört er lieber.

 

KATHI:  Hauptmann!

 

SANKARA:  Hallo Geister!

 

KATHI:  Es geht um Leben und Tod!

 

GOTTFRIED:  Du bist in höchster Gefahr. Man plant einen Putsch gegen dich.

 

SANKARA:  Ich wurde einmal gefragt, welche Bücher ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Da habe ich gesagt:  Die Bibel, den Koran und natürlich ›Staat und Revolution‹ von Lenin.

 

MARIAM:  Hauptmann, du darfst keine Zeit verlieren. Deine Mörder sind unterwegs.

 

JEHOSCHUA:  Und du weisst, von wem sie kommen.

 

SANKARA:  Vor Blaise Compaoré haben mich schon ein paar Offiziere gewarnt. Da hab ich sie gewarnt:  Wenn ihr Blaise ein Haar krümmt, bekommt ihr es mit mir zu tun.

 

GOTTFRIED:  Wenn es Offiziere gibt, die auf deiner Seite stehn, dann musst du mit deren Hilfe Blaise zuvorkommen und zuschlagen. Nicht eine Minute hast du zu verlieren!

 

SANKARA:  Blaise ist mein Kampfgenosse, mein Freund! Er war es, der mich aus dem Gefängnis befreit hat.

 

JEHOSCHUA:  Vielleicht fühlt er sich durch dich bedroht. Oder hat eigene Ambitionen. Menschen ändern sich.

 

MARIAM:  Leben oder sterben, Blaise will dich beerben!

 

KATHI:  Du hast mit Recht Skrupel vor Gewaltanwendung. Für eine Konfliktlösung gibt es aber auch andere Möglichkeiten, zum Beispiel die Aussprache.

 

GOTTFRIED:  Ziemlich verschwurbelte Einstellung, mit Verlaub. Hauptmann, schlag der Konterrevolution den Kopf ab! Jetzt!

 

 SANKARA:  Ich werde nicht zum Verräter an meinem Freund. Wir haben dieses Land Burkina Faso getauft, Land der aufrechten Menschen.

 

ALLE:  Sankara, wie lieben dich!

 

MARIAM:  Du hast so viel erreicht!

 

KATHI:  In nur vier Jahren!

 

MARIAM:  Warum sollst du sterben?

 

GOTTFRIED:  Genosse, Du wirst so dringend gebraucht. Nicht nur in Burkina Faso. In ganz Afrika!

 

JEHOSCHUA:  Naja, als die Lehrer für höhere Löhne streikten, hat er sie einfach vor die Tür gesetzt, und jeder Depp durfte nach zehn Tagen Ausbildung unterrichten.

 

KATHI:  Und dass die Alten nichts mehr zu sagen haben, hat viel böses Blut gemacht.

 

SANKARA:  Ja, wir haben die Feudalherrschaft der Clanchefs abgeschafft, stimmt. Wir haben Grund und Boden verstaatlicht. Wir haben die Wüste bekämpft, Millionen Bäume gepflanzt. Jedes Dorf hat jetzt ein Wäldchen. Und eine Gesundheitsstation.

 

GOTTFRIED:  Schön und gut. Darum geht’s jetzt nicht.

 

SANKARA:  Wir haben Brunnen gebohrt, Staudämme für die Bewässerung und Straßen gebaut. Abertausende haben freiwillig Bohlen und Schienen für die Eisenbahn verlegt.

 

GOTTFRIED:  Das wissen wir doch.

 

SANKARA:  Was ist Imperialismus? Du siehst ihn auf deinem Teller:  Importierter Mais, Weizen, Reis - das ist Imperialismus! Also? Schluss mit den Lebensmittel-Importen! Schluss mit der Monokultur für den Export!

 

 GOTTFRIED:  Deswegen ist es ja so wichtig, dass du weiterlebst.

 

SANKARA:  Und dann, auf die Landreform aufbauend:  Fertigungsindustrie. Hier, mein Gewand:  Kein einziger Faden aus Europa oder Amerika.

 

JEHOSCHUA:  Was soll die Modenschau?

 

GOTTFRIED:  Genosse Präsident, die Uhr tickt! Du musst den Putsch von Blaise Compaore niederschlagen!

 

SANKARA:  Noch eine Frage:  Kennt ihr das Filmfestival aus Burkina Faso?

 

GOTTFRIED:  Der Kerl ist verrückt.

 

SANKARA:  Es wurde das bedeutendste auf dem Kontinent. Oh ja, wir haben eine Kulturrevolution ausgelöst. Für die Befreiung der Frau haben wir eine Menge getan:  Zwangsehe, Polygamie, Brautpreis, Genitalverstümmelung von Mädchen – alles abgeschafft. Wir haben die Schulbildung für Jungen und Mädchen eingeführt. Wir haben den Frauen Zugang zu Agrarflächen verschafft, das gleiche Erbrecht für sie eingeführt...

 

MARIAM:  So viel getan für uns Frauen - echt toll!

 

SANKARA:  Ja. Aber die Grundlage von all dem war die Arbeit der Bauern.

 

GOTTFRIED:  Nur damit dir klar wird, dass du jetzt handeln musst:  Nach deinem Tod wird Burkina Faso wieder zum drittärmsten Land der Welt!

 

SANKARA:  Nein nein, unsere Maßnahmen sind unumkehrbar!

 

GOTTFRIED:  Aber nur wenn du überlebst. Zuerst mal die nächste halbe Stunde.

 

MARIAM:  Die nächsten Minuten!

 

GOTTFRIED:  Hörst du nicht, was ihm seine Frau ins Ohr flüstert?

 

FRAU COMPAORE:  Blaise, ich sags dir nochmal:  Ich passe nicht in diesen Renault. Ich muss mich hineinzwängen wie ein Walross in die Sardinenbüchse. In dem Auto kriege ich Platzangst. Was hat er gegen unseren Mercedes? Und dein Ministergehalt nicht höher als ein Maurerlohn! Wir haben das Geld von der Elfen-beinküste. Aber ausgeben darfs ich´s nicht. Ich darf ja keine Möbel mehr in Europa kaufen. Und du in der altmodischen Tracht – die steht dir überhaupt nicht. Auf einmal fällt ihm ein, wir sollen alle nur noch Gemüse aus Burkina Faso essen; morgens, mittags abends Bohnen. Der hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank! Aber wohin du heute kommst in Afrika, überall heißt es:  der Heilige, die Legende! Dabei warst du es, der ihn aus dem Gefägnis befreit hat, du hast den Putsch gewagt, den "Marsch auf Ouagadougou" organisiert, ihn zum Präsidenten gemacht. Und heute steht die Armee hinter dir, Blaise, nicht hinter ihm. Du bist der rechtmäßige Präsident. Werde endlich, was du bist!

 

SANKARA lacht:  Ein Staatschef hat die Wahl:  Entweder er teilt das Trinkwasser mit allen oder den Champagner mit Wenigen.

 

JEHOSCHUA:  Während Du dich geweigert hast, die Schulden des Landes zu begleichen...

 

SANKARA:  Mit Recht. Sie sind illegitim.

 

GOTTFRIED:  ...wird dein Nachfolger Blaise Compaoré sie brav weiter zahlen, bei der Weltbank um Kredite betteln und von da an alles tun, um den Schuldendienst zu leisten.

 

MARIAM:  Das heißt Baumwolle, so weit das Auge reicht.

 

GOTTFRIED:  Die wird er aber nicht mehr verkaufen können auf dem Weltmarkt,…

 

MARIAM:.. weil er den Baumwollanbau nicht mehr subventionieren darf.

 

JEHOSCHUA:  Stattdessen wird er privatisieren…

 

KATHI:  …Wasser, Schulen, Medikamente…

 

GOTTFRIED:  … alles wird er zur Ware machen, unbezahlbar für die Armen.

 

KATHI:  Slums werden entstehen.

 

JEHOSCHUA:  Auch der französische Geheimdienst steht hinter Blaise.

 

SANKARA:  Man fordert nicht ungestraft die alte Kolonialmacht heraus.

 

MARIAM:  Warum sollst du enden wie Lumumba?

 

KATHI:  Du kannst aktiv werden, ohne zu töten.

 

GOTTFRIED:  Unsinn. Für sowas ist es zu spät.

 

KATHI:  Gandhi hat es bewiesen.

 

GOTTFRIED:  Nicht in einer Situation, wo alles Spitz auf Knopf steht. Würde er Blaise aus Machthunger liquidieren? Nein! Aus irgendeinem niedrigen Beweggrund? Nein! Er würde es tun in Übereinstimmung mit dem Lauf der Geschichte. Konterrevolutionäre gehören zur absterbenden Klasse.

 

JEHOSCHUA:  Vielleicht sollte er sich einfach nur nach Ghana absetzen.

 

MARIAM:  Der Präsident von Ghana ist doch sein Freund!

 

KATHI:  Sankara hat seinem Volk gesagt, dass die Macht des Arguments gelten soll und nicht die Gewalt der Waffen. Wenn er jetzt zur Waffe greift, …

 

MARIAM:  Vielleicht muss er das tun…

 

KATHI:  …das wär doch, also das wäre doch für ihn, als Mensch, eine unglaubliche Niederlage. Und eine Niederlage für die Revolution, für die Idee.

 

GOTTFRIED:  Er würde dadurch die Revolution retten. Und damit das Leben von unzählig vielen Menschen.

 

KATHI:  Es kann auch einen Bürgerkrieg geben, der unzähligen Menschen das Leben kostet.

 

GOTTFRIED:  Sie haben schwache Nerven, Frau Hoffmann. Lenin hat nach dem Anhören einer Beethoven-Sonate gesagt:  „Ich kann die Musik nicht oft hören, sie greift die Nerven an, man möchte liebevolle Dummheiten sagen und den Menschen die Köpfe streicheln, die in einer widerwärtigen Hölle leben. Aber heutzutage darf man nieman-dem den Kopf streicheln. Die Hand wird einem abgebissen! Man muss auf den Kopf einschlagen, mitleidlos einschlagen. Und wenn unser Ideal noch so sehr gegen jede Gewaltanwendung ist.“

 

MARIAM:  Schrecklich.

 

GOTTFRIED:  Ich weiß, ich weiß, das ist für Sie ein harter Brocken. Aber kommen Sie endlich in der Wirklichkeit an!

 

JEHOSCHUA:  Also ich kann Ihnen nicht so ohne weiteres zustimmen, Herr Kratz.  Gewiss gibt es Situationen, wo die Anwendung von Gewalt unumgänglich ist...

 

KATHI:  „Liebet eure Feinde und betet für alle, die euch verfolgen.“

 

GOTTFRIED:  Sittlich ist, was die Ausbeutergesellschaft zerstört.

 

KATHI:  Liebe kann Berge versetzen.

 

MARIAM:  Das stimmt, aber…

 

Eine Salve. Sankara wird tödlich getroffen.